Aufgeregt wie ein Kind am ersten Schultag, aber wohl doch in weitaus freudigerer Erwartung wachte ich an jenem Samstag Morgen mit dem Gedanken – Jipiehh, heute gehen wir zu Tim Raue –  auf. Vor lauter Vorfreude und anhaltender Euphorie meinerseits, war es auch meinen Mitmenschen nicht möglich weiter zu schlafen! Ich befand mich in einer großen Stadt, voller Tatendrang und wollte was erleben. Also mussten sich alle in Windeseile fertig machen und wir gingen auf Erkundungstour, die (wie des Öfteren) im KaDeWe anfing und auch endete ;) Nach ausgiebiger Delikatessenbekundung und ausgedehnter Austern-Schlürferei brach der Abend heran und es wurde langsam aber sicher Zeit sich für das lang ersehnte Dinner zu richten.

 

 

Eingang

 

 

Von den Schwaben zum Sparen animiert, entschlossen wir uns den Bus und nicht das Taxi zu nehmen, um an unser ausgewähltes Ziel zu gelangen. Als wir an der Ankunftsstation ausstiegen, schauten wir uns verwirrt um und gaben leicht desorientiert die Adresse des Restaurants in unsere Smartphones ein (was machten wir nur vorher ohne diese Dinger ;) ). Mein Navi sprach mit leicht höhnischer Stimme: “In 50m haben Sie Ihren Bestimmungsort erreicht.” Ihr könnt euch vorstellen das uns – insbesondere mich – diese Aussage noch mehr verwirrte und mein Blick hilfesuchend in der Umgebung umherschweifte, bis ich schließlich zu meiner Linken riesige Glasscheiben entdeckte, hinter welchen Menschen mit entspannten Gesichtern zu dinieren schienen. Es dauerte einen kurzen Augenblick bis es “Klick” machte und just in diesem Moment schoss mir auch schon die Röte ins Gesicht, als ich bemerkte das wir wohl schon einige Zeit vor genau DEM Restaurant standen. Als wir den Innenhof betraten, erblickten wir sodann auch gleich die 2 Guide Michelin Sterne, welche von den Restaurantkritikern Sternefresser (www.sternefresser.de) angefertigt wurden. Im Voraus hatte ich ein paar Bedenken bezüglich des Ambientes. Ich mag eigentlich lieber schummriges Licht beim Essen anstatt einer ausgiebigen Beleuchtung, doch schon direkt beim Betreten des Restaurants waren meine Zweifel verflogen. Nach einem freundlichen Empfang wurde man zum Tisch begleitet, der sich in lockerer und sympathischer Umgebung befand und einem direkt ein warmes und irgendwie vertrautes Gefühl übermittelte.

Doch schon gleich darauf standen wir vor der nächsten, fast nicht zu bewältigenden Herausforderung: Der Entscheidung zwischen Black Pepper Beef und Peking Ente, Blauem Hummer oder Abalone…kurzum zwischen dem prämierten Gault Millau Menü “Unique” oder dem “Wintermenü”. “Nehmt doch jeder eines und tauscht dann untereinander!”, sagte uns die herzliche Marie-Anne Raue und genau das spiegelt für mich die allgemeine Stimmung des Restaurants wieder: Ein junges ungezwungenes Essen auf aller höchstem Niveau, bei welchem man sein kann, wie man i(s)st und sich nicht in Knigge-Konforme Zwänge pressen lassen muss! Wir entschieden uns dann schließlich beide für das Unique-Menü mit passender Weinbegleitung und was uns da erwartete könnt ihr jetzt sehen. Ich werde über die einzelnen Gerichte nicht viele Worte verlieren, da ich mich wohl allzu oft wiederholen würde :) Es war für uns einfach ein einmaliges Erlebnis und unsere Erwartungen wurden (ehrlich!) noch bei weitem übertroffen!

 

 

Gruß

 

Der Gruß aus der Küche oder ein Ensemble aus lauter kleinen Köstlichkeiten:

Japanische Eismeergarnelen| feuriges Hähnchen mit Gurke | Cashew-Kerne | Schweinebauch Sichuan | Rettichbällchen mit süßem Senf | Lachs mit Grapefruit

Diese Gerichte waren eine super tolle Einstimmung auf den Abend. Begeistert waren wir vor allem von dem Schweinebauch, der wirklich hauchdünn aufgeschnitten war. Tim Raue selbst schreibt in seinem Buch: “Dieser Schweinebauch peitscht einmal über die Zunge und macht meinen Gästen klar, wo sie hier sitzen.” Dem habe ich nichts hinzuzufügen!

 

 

1. Gang

 

1. Gang:  Perigord Trüffel | blumenkohl | haselnuss

Weinbegleitung: Rivesalles Ambre “14 ans”, 1996, Freres  Rouissillon, Frankreich

Für mich war dies (wenn ich mich überhaupt entscheiden müsste), mit einer der besten Gänge. Er bestand aus einem Trüffel-Haselnuss Eis, dessen Geschmack mich schier vom Hocker riss, weil ich einfach nicht mit solch einer Intensivität gerechnet hätte. Dazu ein Blumenkohl und Liebstöckelsalat, Habanero Chili Püree, eingemachte Trauben und eine leckere Perigord Trüffel Scheibe!

 

 

2. Gang

 

2. Gang: Zander | 10 Jahre alte Kamebisji Soja Sauce | Yuzu

Weinbegleitung: Riesling Grand Cru “Hengst”, 2000, Weingut Jasmeyer, Alsace

Als zweiten Gang gab es einen schonend, perfekt gegarten Zander, umringt von einer 10 Jahre alten Soja Sauce und Schnittlauchöl, zusammen mit einem Shanghai Pak-Choi. Ich war vor allem auf die Soja Sauce gespannt, die in Kombination auch wirklich fantastisch schmeckte. Mir persönlich war es etwas zu viel des Schnittlauchöles, aber dank der Anrichteweise konnte jeder selbst bestimmen, wie viel man davon zu sich nehmen wollte.

 

 

3. Gang

 

3. Gang: Blauer Hummer | Karotte | Passionsfrucht

Weinbegleitung: “Es ist wie es ist” by Horst Sauer & Andé Macionga, 2011, RTR Franken

Auf den Zander folgte der Blaue Hummer, in einer Komposition aus Karotte, Passionsfrucht, Korianderstielen, Ingwer und Dashi Essig. Der Hummer war der absolute Wahnsinn. Ich habe in meinem Leben, dank des Ferienhauses meines Opas in Spanien, das Glück gehabt schon einige Hummer verspeisen zu dürfen, aber dieser war für mich nochmal etwas ganz besonderes. Die asiatisch angehauchte Zubereitungsart ließ die Aromen der Produkte und den ausgeprägten Eigengeschmack des Hummers nochmals hervorheben und intensivieren.

 

 

4. Gang

 

4. Gang: Rebhuhn | Japanische Kastanie | Kumquat

Weinbegleitung: Chardonnay Roure, 2009, M. Gelabert, Mallorca

Als vierten Gang wurde eine geschmortes Rebhuhn in char siu jus mit Endivien und cecina de léon zusammen mit japanischer Kastanie, Kumquat und einem Pfifferligschaum gereicht. Leider verschwindet Rebhuhn oder sämtliches Wildgeflügel zunehmend von den Speisekarten, dabei wurde mit diesem Gericht wieder einmal mehr bewiesen, um was für ein besonders delikates Fleisch es sich handelt und wenn es dann noch so kreativ umgesetzt wird….mhmmmm…!!!!

 

 

5. Gang

 

5. Gang: Kantonesisches Black Pepper Beef | allium| onglet

Weinbegleitung: Alto Moncayo, 2009, Bodegas Alto Moncayo, Campo de Borja, Spanien

Kommen wir zum vermeintlichen Höhepunkt (obwohl in diesem Menü wirklich einer den anderen jagte!) Serviert und erklärt wurde der 5. Gang vom Meister persönlich. Es gab ein sagenhaft zartes kantonesiches Black Pepper Beef mit pochierter Schalotte, milder Knoblauchcréme, Schalotten-Crunch, in Portwein eingelegten Perlzwiebeln und Schnittlauchblüten. Ein Gericht, das nicht nur alle Fleischliebhaber zu Tränen rühren würde ;)

 

 

6. Gang

 

6. Gang: Pre-Dessert: Koriandereis | Cheesecake | Heidelbeere | Heidelbeerbaiser

Beim Pre Dessert überraschte mich besonders, dass ich als überzeugter Baiser-Gegner (ich kanns wirklich nicht ausstehen!) eine vermeintliche Heidelbeere in den Mund schob, die mich mit ihrer Konsistenz total überraschte und mir dabei sogar gut schmeckte! Ansonsten war das kleine Pre Dessert für mich als Käsekuchen-Liebhaberin absolut gelungen und an sich einfach eine pfiffige Idee.

 

 

7. Gnag

 

7. Gang: Porcelana Schokolade | Malz | Sichuan Pfeffer

Weinbegleitung: Riesling Auslese, Bechtheimer Geyersberg, 2010, Dreissigacker, Rheinhessen

Als krönenden Abschluss gab es 66% porcelana Schokoladen Cremeux, Mango und Passionsfrucht Tapioka, Sichuan Pfeffer Baiser, Malzbier Gelee und Sorbet von Mango und Passionsfrucht. Ein schönes Spiel aus Frucht und Säure. Das Sorbet konnte nur noch auf dem Löffel fotografiert werden, denn wie so oft an dem Abend hätte ich beinahe vergessen im Voraus ein Foto zu schießen, aber ihr könnt euch vorstellen wie es im Ganzen aussah, oder ;)

 

petite four

 

Petit Four: Das Finale zum Kaffee und was es sonst noch gab :)

Als Finale wurde schließlich noch eine Auswahl an verschiedenen süßen Köstlichkeiten gereicht. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die einzelnen Komponenten wirklich, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe (ich habe schon einen ganz roten Kopf vor lauter Nachdenken..!), einfach nicht mehr zusammen bekomme. Das etwas andere Raffaelo war auf jeden Fall dabei und auch an die phantastischen selbstgemachten Pralinen hab ich noch eine Erinnerung. Als Grund für diesen kleinen Gedächtnisverlust mache ich mal ganz dreist einen im berauschten, übermütigen Zustand bestellten Ingwerschnaps verantwortlich. Der war übrigens (und ich bin kein Schnaps-Fan) unfassbar lecker, aber hatte es wohl auch in sich! Auf jeden Fall scheint die Petit Four Auswahl gelungen zu sein, am Ende war nämlich nicht einmal mehr ein Krümelchen vorzufinden!

 

Fazit Wer den Bericht gelesen hat, wird merken dass dies mit einer Restaurant-Kritik recht wenig zu tun hat! Ganz im Gegenteil handelt es sich hier viel mehr um eine subjektive Betrachtung, fast einer Lobeshymne ähnelnd. Aber getreu dem Motto: “Es ist wie es ist..”, Tim Raue ist nun mal für mich persönlich einer der besten Köche und wenn ich so etwas überhaupt besitze, mein kulinarisches Vorbild. Perfektes Handwerk wird gepaart mit Herzlichkeit und Kreativität und ich denke immer wieder gerne an den Abend zurück! Ein Lob muss ich auch an das Personal aussprechen, zumindest an unsere Servicekraft, die nicht nur mit Wissen, sondern auch mit ihrer spritzigen und charmanten Art zu glänzen vermochte.

Alles in allem war es für mich ein perfekter Abend, für welchen ich immer wieder gerne bereit bin, das Sparschwein zu schlachten!

Wer sich selbst überzeugen möchte, hier gibt es die Infos: www.tim-raue.com